AMF PROJEKTE

 

Die Kunst der Beschneidung

– beschnittene Kunst.

Oder: Über den Umgang mit Bildern.

 

Oftmals ging damit eine Umnutzung einher. Das Objekt konnte eine neue Aussage und damit auch eine neue Funktion erhalten. Diese zum Teil eklatanten Eingriffe in die originale Substanz, immer richtig zu deuten und den Gründen dafür auf die Spur zu kommen, ist gar nicht so ganz einfach. Es darf nicht verschwiegen werden, dass diese Eingriffe oftmals ein Rätsel sind und es in vielen Fällen wohl auch bleiben werden. Und doch - in dem einen oder anderen Fall kann man sich an eine Antwort auf die Frage nach dem „Wann und Warum“ wenigstens herantasten.

Wie schnell man oftmals bereit war, in die Substanz der Bilder in Abhängigkeit vom Wandel der Vorstellungen einzugreifen, zeigt das Beispiel einer Vertreibung aus dem Paradies. Es handelt sich um die rechte Flügelaußenseite eines ehemaligen Wandelaltars mit einer flügelübergreifenden Komposition, in deren Zentrum sich der mauerumfriedete Paradiesgarten befindet. Es handelt sich stilistisch um einen äußerst schwierigen und in der Gegenüberstellung der Gottesmutter vor dem Paradiesgarten ikonografisch hochspannenden Fall. Die Tafel ist um 1450 zu datieren. Ursprünglich zeigte sie Adam und Eva nackt vor dem prächtig vergoldeten Tor des Paradiesgartens. Wenig später scheint man diese Nacktheit im sakralen Raum als nicht angemessen empfunden zu haben, denn noch im 15. Jahrhundert, also weit früher als die Figuren im Jüngsten Gericht Michelangelos, erhielt Eva ein grünes Blätterkleid.
Die erste Abbildung zeigt die Tafel im "quasi" Originalzustand, d. h.  nach der „virtuellen“ Abnahme der Übermalung. Heute würde kaum ein Restaurator diese Übermalung rückgängig machen.


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Dr. Anna Moraht-Fromm
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