Jerusalem in Ulm -

Der Flügelaltar aus St. Michael zu den Wengen

 

Ulmer Museum 08. März bis 12. Juli 2015

 

Das 15. und 16. Jahrhundert war für Ulm eine Zeit höchster künstlerischer Blüte. Bedeutende Meister verschiedenster Kunstgattungen arbeiteten in der Reichsstadt an der Donau und fertigten hochrangige Stücke für einheimische wie für auswärtige Auftraggeber. Zu ihren Schöpfungen gehörte auch ein heute weitgehend vergessenes Werk: Das ehemalige Hochaltar-Retabel der Stiftskirche St. Michael zu den Wengen - einer der größten Flügelretabel, das wir aus der Ulmer Kunst kennen.

Auf der enormen Breite von etwa 5,80 m entfalteten die 2,60 m hohen, bemalten Doppelflügel im geöffneten Zustand ein umfangreiches christliches  Bildprogram vor dem staunenden Betrachter.

Dieses Meisterstück der Ulmer Spätgotik wurde um 1500 als Gemeinschaftsarbeit verschiedener Künstler - darunter die Maler Bartholomäus Zeitblom und Jörg Stocker - geschaffen.

Zum ersten Mal seit Zerstörung und Verkauf des Wengen-Retabels werden nun alle erhaltenen Teile wieder gemeinsam präsentiert. Für die Dauer von vier Monaten wird die Ausstellung ein verlorenes Meisterwerk der Ulmer Spätgotik wiedererstehen lassen.

Rund fünfzig Exponate aus musealem, privatem und kirchlichem Besitz beleuchten das Werk, die beteiligten Meister und die künsterlische Praxis in den Malerwerkstätten der Ulmer Spätgotik.

 

 

- Essay im Katalog nebst diversen Katalogeinträgen:

Stilgeschichten: Die Wengenmeister oder: Des Malers Nasen

 

In schöner Regelmäßigkeit werden Stimmen laut, die die Auseinandersetzung mit Stil-Fragen in der Kunstgeschichte für überflüssig erklären.[i] Spätestens nach Abschluss einer kunsthistorischen Universitätsausbildung, dem oft ein Wechsel in die Arbeitsbereiche Museum, Denkmalpflege oder Kunsthandel folgt, wird jedem nur allzu schnell bewusst, dass die Stilkritik als kunsthistorische Methode unabdingbar ist und bleibt.[ii]
Niemals ist Stil nur Form! Er schließt Aufgaben, Themen, Materialien mit ein und kann niemals unabhängig von Zeit, Raum oder Weltanschauung definiert werden, genauso wenig ohne die Berücksichtigung der jeweiligen ökonomischen und politischen Verhältnisse.[iii]
Wenn es sich also diese Ausstellung zur Aufgabe gemacht hat, ein einzelnes Werk in den Mittelpunkt zu stellen, um es im besten interdisziplinären Sinne zu befragen, muss es im Sinne der Stilkritik vergleichend betrachtet werden, um spezifische Merkmale aufzuspüren und dem Publikum nachvollziehbar zu machen. 

 

Der vollständige Text findet sich im Katalog zur Ausstellung, S. 54ff.

 


[i] Jüngst wieder auf der dem jüngeren Cranach gewidmeten Tagung in Wittenberg. Vgl. die Besprechung von Anja Ottilie Ilg, Lucas Cranach d. J. – aus dem Schatten des Vaters ins Licht der Forschung, in: Kunstchronik 9/19 (2014), S. 504-510.

[ii] Die sogenannte Kennerschaft ist ein mühsames, aus Büchern nur schwer lehr- und lernbares Ziel. Niemals ist sie gefeit, an zentralen Zuschreibungsproblemen zu scheitern. Das hat spätestens der Holbein-Streit vor Augen geführt. Kennerschaft ist keine “B(a)uchwissenschaft” und darf kunsthistorische Bildung und Reflexion nicht ausschließen. Der unglücklichste Begriff, unter dem diese Methode noch heute aufgeführt wird, ist sicherlich der der “Händescheidung”. 

[iii] “…Den Stil eines Kunstwerks zu analysieren, heißt also, die künstlerischen Prinzipien und Normen des Verfertigers, aber auch die der ihn tragenden Gesellschaft in seiner Zeit aufzuspüren, die Prägung durch das Thema, die Nutzungsabsichten und deren Traditionen, letztlich sogar die Erwartungen der Betrachter, für die das Werk konzipiert wurde…". Zit. nach Robert Suckale, Stilbegriffe, Stilgeschichte, Stilkritik, Berlin 2010; http://kunstgeschichten.blogspot.de

 

 

 

 

 

 

 

 

 


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