AMF Aktuell II  - Fundstücke

 




Schwaben, 1506
a) Martyrium Petri (außen) und b) Verkündigung Christi (innen)
(a) Bez. im linken oberen Zwickel des Schleierwerkes mit dem Wappen der Edlen von Hyrnheim;[1] Buchstaben auf dem punzierten Nimbus Petri teilweise zerstört und nur schwer leserlich: [PE?]TRO[S?]…OPT…?
(b) Dat. rechts unten auf der Vase mit den Lilien: MV c VI (richtig: MDVI)
Bez. auf dem Schriftband des Engels: Aue [Maria] gracia ple[na do]minus te cum;[2] auf dem punzierten Nimbus Mariens: [ECCE]ANCILLA[DOMINI].[3]
Tempera auf Nadelholz
73 x 43,5 x 1,2 cm

 

Provenienz:
Ursprünglicher Bestimmungsort des Retabels war aller Wahrscheinlichkeit nach die Kirche St. Peter des Kartäuserklosters Christgarten in unmittelbarer Nähe von Hürnheim (heute Ederheim), die auch als Grablege der Edlen von Hürnheim diente. Als Standort käme eine der Mensen des dortigen Lettners in Frage.[4]

 

Neuer Besitzer: Sam Fogg, London

 

Befund:
Guter Erhaltungszustand; allseitige leichte Begradigung des Bildträgers; Anlage der Architektur (a) teilweise geritzt, polimentvervoldete Nimben der ursprünglichen Außenseite original; bei Petrus mit kleinen Ausbrüchen; Wappen mit originaler Versilberung des Schildes;  ursprüngliche Innenseite mit Leinwandunterklebung; Goldhintergrund und polimentvergoldeter Nimbus derselben erneuert; Spuren alter Scharniere an der linken (außen) bzw. rechten (innen) Bildkante; spätere Drehzapfenbänder (nur noch das obere vorhanden), das eingelassene Schloss und Schlüssellochbeschläge, sowie eingelassene, eiserne Stege an den Schmalseiten, die damit ein Klappen verhindern, sprechen für eine Zweitverwendung, die die ursprüngliche Innenseite (a) als Außenseite nutzte.

 

Bemerkungen:
Angesichts der Teilung des Bildträgers sowie der Anbringung von Scharnieren in der Bildmitte darf bei der gut erhaltenen Tafel auf die ursprüngliche Funktion eines linken (heraldisch rechten) faltbaren Flügels eines Retabels geschlossen werden, dessen Faltmechanismus im Zuge einer Zweitverwendung der Bildtafel durch Drehzapfbänder etc.

 

 

 

Abb. 1 a  Rekonstruktion der ursprünglichen Nutzung

 




(vgl. Befund) aufgehoben wurde. Eine Vorstellung über die ursprüngliche Verwendung mag die abgebildete Zeichnung vermitteln (Abb. 1).
a) Bereits die Darstellung Petri auf der ursprünglichen Außenseite ist ungewöhnlich. Er ist nicht – wie meist  – als barhäuptiger Apostel wiedergegeben (vgl. Abb. 7), sondern im Sinne der Worte Jesu (Du bist Petrus, der Fels, auf den ich meine Kirche bauen werde) als erster Papst und damit Haupt und Gründer der Kirche in Rom.[5]
Im Sinne eines Repoussoirs steht er im Vordergrund des linken Bildfeldes mit einem rot-brokatenem Chormantel bekleidet. Auf dem nimbierten Haupt trägt er eine edelsteinbesetzte Tiara. Seine Rechte hält ein Buch, die Linke sein Attribut zweier übergroßer Schlüssel, die ihn als Herrn über alle Türen ausweisen.
Im weitläufigen Landschaftshintergrund werden die Kreuztragung Christi sowie die Kreuzigung Petri simultan geschildert, die – so wird man vermuten dürfen – zu den Szenen des Vordergrundes in inhaltlicher Beziehung stehen.
Die Hintergrundlandschaft, die kompositorisch und koloristisch von niederländischen Überschaulandschaften inspiriert wurde, ist in allerfeinster, gut erhaltener Temperamanier ausgeführt. Die braunen Hügel des Vordergrundes fluchten über grüne Wiesen mit aufwendiger Stadtarchitektur (Jerusalem) in eine neblig-blaue, luftige Flusslandschaft.
Die ursprüngliche Außenseite gibt uns ferner Kenntnis vom Auftraggeber der Tafel. Sein Wappen im linken Zwickel des gemalten Schleierwerkes weist die Tafel als Stiftung der
Edlen von Hürnheim aus (Abb. 2), einem alten schwäbischen Adelsgeschlecht.[6]

 Abb. 2 Wappen der Edlen von Hürnheim

b) Die Verkündigung der Geburt Christi an Maria gibt sich durch ihren Goldgrund als die ursprüngliche Innenseite zu erkennen. Auch sie fußt auf niederländischen Bildfindungen und wird durch zahlreiche Symbole typologisch aufgeladen.[7]
Der – wie Petrus − mit einem rot-brokatenem Chormantel bekleidete Engel ist bereits in das Gemach Mariens getreten und verkündet seine Botschaft, die für den Betrachter auf dem Schriftband lesbar ist. Maria wendet sich von ihrer Lektüre ab und hört die Worte des Engels. Ihre Kammer mit hölzernem Tonnengewölbe und geschachtem Boden ist mit großer Sorgfalt detailreich ausgestattet. Im rechten Vordergrund steht eine Fayence-Vase mit sieben Lilien als Symbol der Keuschheit Mariens, unmittelbar dahinter steht ein hölzernes Lesepult, dessen Relief mit der Darstellung des Sündenfalls auf Mariens Rolle als die neue Eva anspielt, die die Sünde der Welt zu tilgen berufen ist (Abb. 3).[8] In diesem Sinne dürfen auch die beiden an der rechten Wand befestigten Gesetzestafeln verstanden werden. Auf einem Regal darüber sind Flasche, Schachtel und Bücher untergebracht. An der rückwärtigen Wand des Raumes hängen über einer hölzernen Bank mit einem quastengeschmückten Kissen Spindel und Schere, mittels derer Maria das Garn für den neuen Vorhang des Tempels des Herrn gesponnen hat.[9] Darüber öffnet sich ein Rundbogen in eine Landschaft mit der Darstellung der Heimsuchung Mariens. Durch das Fenster links sieht man das Brustbild Gottvaters und den Heiligen Geist in Gestalt einer weißen Taube.
Im geschlossenen Zustand wird man auf der Außenseite von einer bildübergreifenden Szenerie ausgehen dürfen, in der links das Leben und Leiden Petri geschildert und möglicherweise durch das Martyrium Pauli ergänzt wurde. Denkbar wäre jedoch auch, dass  eine Kreuzigung auf der rechten Seite dem Gegenstück typologisch gegenübergestellt wurde.

 Abb. 3 Detail aus der Verkündigung

 

Die am Boden liegenden Gebeine Adams sprächen dafür. Auch darf man ein zweites Wappen – das der potentiellen Ehegattin – unterhalb des rechten Zwickels des Schleierwerkes annehmen.

       

Abb. 4 a/b Ehninger Verkündigung, gespiegelt, 1476, StaGa Stuttgart und Verkündigung, 1498, GNM Nürnberg

 

Welche Darstellung das Gegenstück zur Verkündigung der Innenseite gezeigt haben könnte, kann nicht sicher bestimmt werden. Denkbar wären die Verkündigung der Geburt des Johannes – er gilt als unmittelbarer Vorläufer Christi – an Zacharias oder aber die Geburt Christi.
Eine Reihe sowohl motivischer als auch stilistischer Eigenheiten weisen in das schwäbische Entstehungsgebiet, was bei einem schwäbischen Auftraggeber kaum überraschen kann. Dabei handelt es sich um eine Stilphase, in der sich im Laufe der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts nahezu jeder Künstler die Errungenschaften der sogenannten ars nova, der niederländischen Malerei also, mehr oder weniger zu eigen gemacht und der schwäbischen „Spielart“ anverwandelt hatte. 

 

Abb. 5 Petrus als Papst, 1498, Kilianskirche Heilbronn

 

 

Abb. 6 und 7 Petrus als Papst, um 1470 und ganz rechts Apostel Petrus, Barbara-Retabel, 1510, Johanneskirche Schwaigern

Als eines der wichtigsten Beispiele dieser Rezeption niederländischer Kunst im schwäbischen Raum gilt das Ehninger Retabel (Abb. 4a).[10] Die Verkündigung zeigt, wie eine niederländisch inspirierte Inszenierung dieses Ereignisses ausgestattet zu sein hatte. Bis hin zum Sündenfall- Relief im Türsturz finden sich nahezu sämtliche Versatzstücke wieder, die wir in der betreffenden Verkündigungsszene (b) beobachten konnten. Nur das vor Maria an der rechten Wand angebrachte Triptychon in Ehningen ist den beiden Gesetzestafeln gewichen. Eine vereinfachte Umsetzung des Niederländischen ins Schwäbische zeigt das Beispiel aus dem Germanischen Nationalmuseum (Abb. 4b).
Daneben verweisen aber auch die Gesichtstypen in die schwäbische Kunstlandschaft, wie z. B. das durch besonders liebliche Züge charakterisierte Gesicht Mariens mit der typischen, puppenhaft vorgewölbten, runden Stirn, die von einer Haartracht eingerahmt wird, die eng am Kopf anliegt und vom Hals an weit über ihre Schultern herabfällt.
Es mag ein Zufall sein, dass sich – ebenfalls im neckarschwäbischen Raum – zwei Darstellungen erhalten haben, die Petrus nicht als Apostel sondern als ersten Papst darstellen.[11]
Die eine, geschnitzte Variante befindet sich am berühmten Hochaltar-Retabel in der Heilbronner Kilianskirche (Abb. 5), die zweite zeigt ein Flügel des um 1470 entstandenen Johannes-Retabels in Schwaigern (Abb. 6). Immerhin wäre es denkbar, dass sich der Maler der Petrus-Tafel (a) an dieser früher entstandenen Darstellung orientierte.
Dass nur wenige Jahre später Jörg Ratgeb aus Schwäbisch Gmünd für die Johanneskirche in Schwaigern ein Barbara-Retabel schuf, auf dem wir dasselbe zarte, weiße, scheinbar diaphane Gewebe wiederfinden, das auch das Untergewand auf der Petrus-Tafel aufweist  – und zwar im Gewand des Apostels Petrus (Abb. 7) – ist in der Tat eine bemerkenswerte Koinzidenz, gleichwohl darf diese auffällige feinmalerische Ergänzung wohl doch nur als ein zeittypisches Merkmal der Kunst des beginnenden 16. Jahrhunderts gewertet werden.     

 

Anna Moraht-Fromm                                                                                                                       Berlin, im Januar 2015

 


[1] Blasonierung: zwei rote Hirschstangen auf silbernem, ungeteiltem Schild.

[2] Sogenannter „Englischer“ Gruß (Gegrüßest seist du, Maria). 

[3] Text aus dem Angelus-Gebet: Ecce Ancilla Domini. Fiat mihi secundum verbum tuum…(siehe, ich bin die Magd des Herrn; mir geschehe nach deinem Wort).

[4] Der Hinweis auf die Provenienz der Tafel ist Dr. Christof Metzger, Wien zu verdanken. Vgl. auch Karl Gröber und Adam Horn, Stadt Nördlingen (Die Kunstdenkmäler von Bayern, Schwaben und Neuburg 2), München 1940).

[5] Nach katholischer Auffassung ist Petrus der Stellvertreter Christi und erster Bischof von Rom, weshalb sich das Papstamt von ihm ableitet. Symbol des Heiligen Stuhls (Sancta Sedes) sind die Schlüssel Petri und die Tiara; vergleiche das Wappen des Heiligen Stuhls.

[6] Sein namengebender Stammsitz ist Hürnheim mit der Burg Niederhaus (heute Ederheim im Landkreis Donau-Ries; seit 1806 zu Bayern gehörend). Wer genau der Stifter aus dieser Familie gewesen sein könnte, ist bislang nicht sicher zu bestimmen. Möglich wäre immerhin Johann Sebastian von Hürnheim († 31. Mai 1555 in Speyer), der Richter am Reichskammergericht zu Speyer gewesen ist. Ihn erwähnt u. a. auch die Zimmern‘sche Chronik als hochgebildet und mit einem außergewöhnlich guten Gedächtnis ausgestattet.

[7] Die typologische Bibelexegese, die schon bei Paulus zu finden ist, setzt die heilsgeschichtliche Einheit beider Testamente voraus. Das NT wird als Erfüllung dessen gedeutet, was im AT bereits angekündigt ist. So werden Personen oder Ereignisse des Alten Bundes (‘Typen’, ‘Präfigurationen’) auf Christus und das Erlösungsgeschehen des Neuen Bundes (‘Antitypen’) bezogen und als von Gott gesetzte Zeichen für die kommenden Heilsereignisse gedeutet.

[8] Die jungfräuliche Maria wird in der gesamten christlichen Literatur auch als Neue Eva bezeichnet, die anstatt der Neigung zur Sünde nun die Gnade der Erlösung trägt und den Rückweg zum Paradies eröffnet. Zur Unterstreichung dieses Aspekts sind den Verkündigungsbildern des Mittelalters bzw. Spätmittelalters Szenen der Vertreibung aus dem Paradies oder – wie hier – des Sündenfalles beigefügt, die den Zustand der alten Menschheit verdeutlichen sollen.

[9] Die Darstellung der Spindel beruht auf dem Protoevangelium des Jacobus 10,3-12,1. Die Hohepriester wünschen einen neuen Vorhang für das Allerheiligste im Tempel des Herrn. Sie erinnern sich an Maria, die sie in die Obhut Josephs gegeben hatten und die zu den acht vor Gott reinen Jungfrauen aus dem Hause Davids zählt. Sie wird aus Josephs Haus geholt, zieht per Los die edlen Farben Purpur und Scharlachrot und spinnt sie zu Garn für den kostbaren Vorhang.

[10] Als Meister des Ehninger Retabels gilt ein vermutlich in Rottenburg am Neckar gegen Ende des 15. Jahrhunderts tätiger Maler. Möglicherweise hatte er zuvor bei Dieric Bouts gelernt. Seinen Notnamen erhielt er nach eben diesem von ihm geschaffenen Ehninger Retabel, das er für die Pfarrkirche St. Maria in Ehningen bei Böblingen um 1476 als Stiftung der Pfalzgräfin Mechthild schuf. Ihr am Retabel angebrachtes Wappen weist darauf hin. 

[11] An dieser Stelle wäre es jedoch angezeigt, näher zu untersuchen, ob und warum Petrus in diesem Raum in erster Linie als Papst verehrt wurde.

 




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