NOTIZEN ZUR MALEREI II

 

Das Falkensteiner Retabel des Meisters von Messkirch,
alias Joseph Weis, Maler von Balingen (1488-1565)

 

Das Ecce Agnus Dei wird zum Ecce Andreas.


Die falsche Rekonstruktion eines Hauptwerkes des Meisters in der Sammlung Würth




Abb. 1 und 2 Mittelstück des Falkensteiner Retabels, Kreuzigung Christi, Slg. Würth

 

Das sogenannte Falkensteiner Retabel ist - neben der großen Kreuzigungstafel (ebenfalls Slg. Würth) - einer der frühesten - erhaltenen - Aufträge, den die Freiherren und späteren Grafen von Zimmern an die Werkstatt des Meßkirchers vergaben (Abb. 1 und 2).

 




Abb. 3 Hans Baldung Grien, Anna Selbdritt und Johannes der Täufer, um 1511, Washington

 

Zur Rekonstruktion

Die gleichmäßige Sorgfalt, mit der sowohl die Falkensteiner Mitteltafel als auch die Flügel vorbereitet wurden, macht es aber auch überflüssig, an der Einheitlichkeit des Retabels zu zweifeln. Der unterschiedliche Erhaltungszustand der Tafeln sowie die Verwendung des Goldgrundes auch für die Flügelaußenseiten sprechen nicht dagegen. Allerdings scheint der einheitlich verwendete Goldgrund -  erst einmal - keinen Anhaltspunkt dafür zu geben, welche Heiligen definitiv als Außen- bzw. Innenseiten anzusprechen sind. Doch gestalterische Gesichtspunkte, insbesondere des in der Stuttgarter Staatsgalerie befindlichen Flügels geben Aufschluss über die ehemalige Gestalt.
Der Hl. Georg, den man - mit Blick auf den Paumgartner Altar - schon mehrfach als Stifterdarstellung ansah, beschreibt einen zu dieser Zeit geläufigen Typus, der ohne Frage durch Dürers Bildfindungen wie den Hl. Georg zu Fuß (Meder Nr. 37, Abb. 21) schon Allgemeingut war. Im Sinne der Repräsentation der Stifterfamilie als Angehörige des Ritterordens vom St. Jörgen Schild wird man diese Deutung ganz sicher gelten lassen dürfen. Bemerkenswert ist immerhin der kahlgeschorene Schädel des Heiligen, der bei der rechts knienden Repoussoirfigur der Meßkircher Auferstehung und der Mitteltafel des Zimmernschen Hausretabels wiederkehrt. An der auffällig gestalteten Kette, dem sogenanntem Feuerstrahl, erwartete man eher ein Widderfell als ein Georgskreuz. Dass der Hl. Georg in diesem Kreise der Heiligen auftaucht, braucht nicht weiter zu verwundern, hielt er doch als Patron des Schwertadels seine Hand schützend über Berge, Burgen und Hofkapellen. Darüber hinaus gehörte er zu den sogenannten Hausheiligen der Freiherren von Zimmern, die in nur geringfügig abgewandelter Form im Retabel der Zimmernschen Hausheiligen (Wildensteiner Retabel) wiederkehren. Dasselbe gilt für den Hl. Johannes, der - wenn man die Namen der männlichen Linie der Zimmernschen Familie vor Augen hat - auch als Namenspatron anzusehen ist.





Abb. 4 Rekonstruktion des Falkensteiner Retabels

Unverständlich bleibt bis heute, weshalb man mit aller Selbstverständlichkeit stets den Hl. Johannes als Außenseite des linken Drehflügels bezeichnet, wie nun auch wieder Wiemann und Lüdke. Diese mittlerweile seit Jahrhunderten gleichförmig wiederholte Sicht ist durch nichts begründet! Dass Johannes aus ikonografischen Gründen die linke Flügelinnenseite bildete, erscheint durch seinen ihm eigenen Ecce-Agnus-Dei-Gestus sowie seine Blickrichtung auf das Mittelstück, wo das Christkind auf den Knien der Hl. Anna steht, als selbstverständlich, ja zwingend (Abb. 5 und 6). Sein Gegenüber auf der anderen Seite der Mitteltafel ist demnach der Apostel Andreas. Die Flügelaußenseiten bildeten die Hll. Georg und Erasmus, die im geschlossenen Zustand des Retabels durch die flügelübergreifende Kulisse aus grasbewachsenen Stufen und einer Balustrade eine Art architektonischen Riegel bildeten (Abb. 4), genauso wie es der Messkircher auch in der großen Retabelausstattung für die Stiftskirche in Meßkirch beibehalten sollte.
Den Täufer als Flügelaußenseite auf den Hl. Andreas weisen zu lassen, erscheint hingegen irrig.

 

 

 




Abb. 5 und 6 Grünewald, Ecce Agnus Dei, Isenheimer Retabel; Meister von Messkirch, Johannes, Falkensteiner Retabel

Literatur:

Anna Moraht-Fromm, Der Meister von Meßkirch. Forschungen zur südwestdeutschen Malerei des 16. Jahrhunderts, Ulm 1997, S. 62-70, Nr. 6 und passim –  Elsbeth Wiemann, Meisterwerke der Fürstenbergsammlungen Donaueschingen in der Staatsgalerie Stuttgart, Stuttgart 2002, S. 64-73 (dort bereits mit falscher Rekonstruktion) – Dietmar Lüdke, Der Meister von Meßkirch. Die Bildtafeln in der Sammlung Würth, Schwäbisch Hall 2013, S. 8-57 - Anna Moraht-Fromm, Der Meister von Messkirch, in: AKL 2016 - Dies., Der Meister von Messkirch (2. überarbeitete und erweiterte Neuauflage - Erscheinen 2018).

 




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